| | Phil ( |
52 Games - 03 - Natur - Monster Hunter
Nieselregen. Irgendwann vor ein paar Jahren. Wir sind mit einer Sondergenehmigung unterwegs, als der Volvo V70 meines Vaters in den schlammigen Feldweg einbiegt und kurz vor einer rot-weiß gepinselten Schranke zum Stehen kommt, die uns die Weiterfahrt untersagt. Sie ist mit einem robusten Vorhängeschloss gesichert, was mir - in Anbetracht der Qualität des Weges - wie Perlen vor die Säue vorkommt. Lockeres, spiegelglattes Kies; tiefe, durch den seit Tagen anhaltenden Regen vollgelaufene Schlaglöcher und eine mörderische Steigung machen eine Weiterfahrt von vornherein unmöglich. Wir steigen aus. Das Laufen ist selbst mit solidem Schuhwerk eine Tortur und die schwere Ausrüstung, die wir bei uns tragen, macht die ganze Sache nicht viel besser. Sogar ein Geländewagen mit zuschaltbarem Sperrdifferential hätte hier sichtlich Probleme, Traktion zu finden. Wahrscheinlich Vorschrift, so ein Vorhängeschloss. Kurz hinter der Schranke entdecke ich ein verwittertes Hinweisschild mit kaum mehr zu erkennender Schrift, die uns müde vor Lebensgefahr abseits der Wege warnt. Schön, denke ich, denn genau da wollen wir hin: Abseits der Wege. So weit wie eben möglich. Seltsam, dass wir einen offiziell aussehenden Wisch mit Unterschrift brauchen, um überhaupt hier sein zu dürfen. Vermutlich hätte nie jemand davon erfahren. Sollten wir hier oben draufgehen, wird es Wochen dauern, bis unsere Angehörigen Nachicht von unserem Ableben erhalten. Wir lassen das Stück Papier im Auto liegen.
Vier Stunden später. Ich friere trotz milder Temperaturen und dicker Jacke. Mein Magen ist so leer, dass problemlos ein ganzes Pferd hineinpassen würde. Der Regen hat mittlerweile aufgehört und es ist bis auf ein gleichmäßiges Rauschen vollkommen still, als ich in ca. 80 Meter Entfernung mein erstes und bisher einziges Reh im tiefen Teutoburger Wald entdecke und halte für einen Moment den Atem an. Ob ich in meinem Leben je etwas Schöneres gesehen habe, weiß ich nicht. Rehwild heißt sowas im Fachjargon, aber etwas Wildes kann ich in diesem Tier nun bei aller Liebe nicht entdecken. Es hebt sich nur dann sichtbar von dem dunklen Grün des Waldes ab, wenn man sich konzentriert. Die wenigen Sonnenstrahlen, die jetzt durch das dichte Unterholz dringen, lassen das Fell aufleuchten und tauchen die Umgebung in angenehm warmes Licht. Ich versuche diesen Moment voll auszukosten, sodass sich die Szene hoffentlich für immer in meine Augäpfel brennt, denn sie bleibt kurz. Ich muss mich beeilen. Für mich als Dortmunder Ghettostadtkind ist dieser Anblick so unwirklich, wie kaum etwas anderes. Eine unvergleichliche Anmut und Eleganz liegt in jeder einzelnen Bewegung dieses mir fremden Wesens. Es bewegt sich vorsichtig, als wüsste es, dass wir in der Nähe sind. Oft blickt es sich um und spitzt die Ohren, um danach den Kopf wieder kurz nach unten senken zu lassen, um nach etwas Eßbarem zu suchen. Ich spüre, wie sich mein Herzschlag erhöht und teile den Muskeln in meinem Zeigefinger mit, dass sie sich zusammenziehen sollen.
Die finnische SAKO TRG-22 zerreißt die Stille des Waldes, als mein Zeigefinger den Abzug betätigt. Der ohrenbetäubende Knall muss kilometerweit zu hören sein, denn in meinem Kopf klingelt es noch Minuten später. Das Reh fällt an Ort und Stelle schlaff nach vorne auf den Waldboden. So wie es sein soll. Mein Vater klopft mir auf die Schulter. "Gut gemacht, Junge. Besser hätte es nicht laufen können." Ich atme aus, ziehe den Verschlusshebel nach hinten, stecke die Patronenhülse in meine Tasche und sichere das Gewehr. Danach schultere ich das Reh und wir machen uns auf den beschwerlichen Weg zurück zum Auto.
Ich jage heute noch. Nur kein Rehwild. Heute jage ich Drachen. Im Fachjargon heißt sowas Wyvern.
//Phil
- Post a new comment
- 0 comments
- Post a new comment
- 0 comments
